Publikum im Fokus! Peter Handkes „Publikumsbeschimpfungen“ im Schauspiel Frankfurt mit dem Publikum im Rampenlicht!
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1966 wird Handkes „Publikumsbeschimpfungen“ in Frankfurt uraufgeführt und 60 Jahre später findet unter der Regie von Claudia Bauer „Publikumsbeschimpfungen“ als Hommage an das Theater statt. Am 24. Januar 2026 war die Premiere und Schülerinnen und Schüler der Grundkurse Darstellendes Spiel als „Premierenklasse“ dabei.
Wir gehen aus einer großartigen Vorstellung mit krassen Spannungsmomenten und bunten Überraschungen, begeistert von Schauspielerinnen und Schauspielern, minimalistischem Bühnenbild sowie aufregenden Kostümen und haben mehr als nur Theater erlebt. Das Sprechstück, das eigentlich mit sieben Darstellerinnen und Darstellern besetzt ist, hinterfragt dieses Mal krankheitsbedingt mit drei überzeugenden Schauspielerinnen und drei starken Schauspielern das klassische Theater. Sie machen zu Beginn das, was Schauspieler vor der Premiere machen, sie proben und hier muss das Publikum zuschauen. Sie machen direkt deutlich, dass sie die Erwartung des Publikums heute auf keinen Fall erfüllen werden. Sie beklagen das Theater, beschweren sich über die monotone Einstellung des Publikums. Beispielhaft imitieren sie die Menschen im Saal von einer gegenübergestellten samtenen Theatersitzreihe aus und beobachten die Menge. Das Publikum hat es schwer, der Aufregung der Schauspieler zu folgen. Ironie ist ein wiederkehrendes Element. Die Auseinandersetzung mit dem Theater und seinem einfältigen Publikum wird von energiegeladener Livemusik und manchmal schrägem Gesang getragen und gipfelt in der abschließenden chorischen Beschimpfung, die 1966 Empörung hervorrufen konnte, 2026 aber mehr wie ein Weckruf an das Publikum, mitzumachen und mitzugestalten, wirkt.
Die Inszenierung ist gut gelungen, da die nicht vorhandene Handlung das Publikum direkt mit dem Theater als Theater konfrontiert und mit theatralen Überraschungen, sei es das Spiel mit dem Licht, das das Publikum immer wieder mittels fehlender Lichtgrenzen fokussiert oder die absurden Kostüme, die Jahrhunderte alte Theatertraditionen ironisiert und bricht. Vielfältig wie die Theaterkultur seit der Commedia über Shakespeare bis zum absurden Theater werden die Kostüme der weißen Clowns, eleganter Theaterbesucher, die sich dem abendlichen Dresscode verpflichten oder verrückte Kopfbedeckungen als Spiegel von Theatergeschichte genutzt. Total modern wird die Viedoübertragung eines Darstellers aus einem sichtbaren Nebenraum als Kommentar im Spiel eingesetzt. Theater 2026 kann vieles mehr. Alle Schauspielerinnen und Schauspieler fallen mit ihrer intensiven Körpersprache, mitreißender Mimik und Gestik und einer großartigen Bühnenpräsenz auf. Energetisch nehmen Sie uns mit in ihre Theaterwelt, in der angeblich wir das Thema seien. Aber sie spielen dynamisch und auch harmonisch für das Publikum. Der Raum mit hohen Holzwänden und sehr viel Tiefe wird leider nicht immer ausgespielt, auch hätte wir uns, die wir in Reihe 14 sitzen, mehr Interaktion mit dem Publikum gewünscht, denn wir wollen gerne Thema sein.
Auch wenn die abschließende Beschimpfungstirade nicht maximal überzeugen kann, kommen wir nachdenklich und theaterbegeistert zurück in die Schule. Wir empfehlen allen, die Abwechslung suchen und neue Theatererfahrungen machen möchten, die „Publikumsbeschimpfungen“ in Frankfurt zu sehen.
(14.02.2026, Johanna Siegert und Marina Müller – Darstellendes Spiel Einführungsphase)